Offener Brief an den Bundesrat der Schweiz

Schweizerische Bundeskanzlei
Simonetta Sommaruga
Bundespräsidentin und Vorsteherin EJPD
Bundeshaus West
3003 Bern

Sehr geehrte Frau Bundeshetera, sehr geehrter Herr Bundeshetero

Wenn ich es mir genau überlege, ist dieses ewige Hin und Her über gleiche Rechte – oder sind es Unrechte -, dieses Jetzt-akzeptiert-uns-doch-endlich-wir-sind-doch-auch-Menschen, diese Argumentationen und Debatten, die geführt werden, lächerlich, absurd und demütigend. Ja, mea culpa! Ich bin anders. Aber ich werde, nein, kann nie „gleich“ sein wie ihr Heteros und ihr Heteros könnt nicht sein wie wir Homos. Und ihr wollt das doch auch gar nicht und das ist auch sehr weise von euch, denn es geht nicht. Wir passen nicht ganz in euer Denken, in eure Schublade. Jeder weiss, man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Sind wir die Birnen und ihr die Äpfel? Oder umgekehrt? Ich weiss nur, ihr seid die Mehrheit, wir nur ein kleiner bunter Haufen, der, so heisst es bei den Gegnern, nichts zum Überleben der Menschheit beiträgt, biologisch gesehen zumindest. Warum nicht? Ja, mein Mann kann nicht schwanger werden. Und keine Frau kann Kinder zeugen. Auch bei euch nicht. Homos können aber auch zeugen und gebären. Nur, ihr lasst uns nicht, zumindest offiziell nicht. Inoffiziell tun wir es schon längst. Warum lasst ihr uns eigentlich nicht?
Irgendwann im Verlauf der Geschichte wurden wir verleumdet und pervertiert. Meinungen und Bilder formten sich zu Glauben und Überzeugungen. Und man hat sich entschieden, uns nicht zu mögen, uns als krank zu sehen. Eine Generation gab dieses Denken weiter an die nächste. Ihr wurdet im Glauben erzogen, mit uns stimme was nicht. Es ist euer Denken, das nun korrigiert werden muss, nicht wir. Ich verstehe ja, dass ihr Angst habt, verunsichert seid. Ihr könnt euch auf keine Statistik berufen, die euch die Entscheidungsfindung erleichtert. Denn wir sind in keiner Statistik zu finden. Das spricht für sich.

Aber werfen wir einen Blick in die Niederlande. 2001 wurde dort die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet, bereits 1993 wurde ein Gesetz gegen Diskriminierung homosexueller Menschen aufgrund ihrer Orientierung erlassen.
Belgien folgte 2003, ab 2006 auch mit Adoptionsrecht. Spanien, 2005, Kanada 2005, Südafrika 2006.
Norwegen führte bereits 1981 ein Antidiskriminierungsgesetz ein, welches die ungleiche Behandlung von Personen auf Grund ihrer sexuellen Orientierung verbietet. 2009 folgte die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. Dann gibt es noch Schweden, Dänemark und und und.

Ich frage euch, was ist dort geschehen seither? Hat der liebe Gott Irland einen Tsunami geschickt? Sind die Länder untergegangen? Ist die Gesellschaft zerbrochen? Die Familien zerstört? Die Kinder verwahrlost? Die Werte dahin? Die Politik diskredidiert und abgewählt? Herrschen dort seither Ausnahmezustand und Chaos? Haben sich die Befürchtungen der Gegner bewahrheitet? Natürlich nicht.
Was sagt uns das? Es gibt kein einziges vernünftiges Argument gegen eine Vollmitgliedschaft in der Ehe- und Adoptions-Union. Es gibt nur diffuse Ängste aufgrund falscher Annahmen über uns. Wenn ihr die Homosexualität nicht weiter in die Schmuddelecke verbannt, dann wird auch kein Kind homosexueller Eltern Opfer verbaler oder physischer Gewalt, denn dann, mit der Zeit, klingt Du-schwule-Sau auf Pausenhöfen nur noch lächerlich für die, die es sagen, es wird kraftlos und aufrechten Hauptes gekontert mit Mann-bist-du-von-gestern-Mann.
Wenn ihr uns nicht weiter in die Schmuddelecke verbannt, wenn ihr uns gegen Diskriminierung gesetzlich schützt, dann haben homosexuelle Jugendliche eine aufrichtige Chance, sich zu wehren oder müssen es gar nicht mehr, weil die Homophobie offiziell nicht mehr unterstützt wird. Was von euch kommt, kann doch nicht krank sein.

Ihr könnt die Bürgerinnen und Bürger nicht zwingen mich zu mögen. Darum geht es nicht. Man muss Homosexualität nicht mögen müssen. Wenn ich Spinat nicht mag, esse ich keinen. Ich denke nicht darüber nach. Ihr könnt es auch nicht allen recht machen. Gebt ihr uns, nehmt ihr anderen und umgekehrt. Ihr müsst schauen, dass die Mehrheit zufrieden bleibt. Wir sind in der Minderheit. Aber wir haben zunehmend eine Mehrheit im Volk hinter uns. Seit wir uns nicht mehr vom öffentlichen Raum verbannen lassen, haben wir ein Gesicht und dieses Gesicht ist gar nicht mal so widerwärtig, wie viele immer denken mussten.

Bleiben wir sachlich. Die Ehe wird überleben, je mehr Menschen bereit sind, sie einzugehen. Die Familie wird überleben, je mehr Menschen füreinander Verantwortung übernehmen dürfen. Es ist eine Win-Win-Situation. Ausser der Piusbrüderschaft freut sich die Mehrheit mit und für uns. Das spricht doch für eine gut funktionierende Gesellschaft.

Also, macht endlich vorwärts. Ihr tut es nicht nur für mich, für uns, ihr tut es vor allem für eure Kinder. Denn ihr vermehrt uns ja, fast ausschliesslich.

Und glaubt mir, nicht alle Homos wollen Kinder, nicht alle Homos wollen heiraten, nicht alle Homos wollen einen Hund. Ich will nur einen Mann, Personal und einen Swimming-Pool.

Freundliche Grüsse

Christoph Matti


Antwort der Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, 26. Juni 2015

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